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06.04.2015 Verantwortlich für den Inhalt der Seite: Manfred Görg

 

Die Energiewende besteht aus drei wesentlichen Bausteinen:

 

  1. Vollständiger Ausstieg aus der Atomstromerzeugung durch Stilllegung aller Atomkraftwerke bis spätestens 2022
  2. Reduktion der Treibhausgasemissionen um 80-95% bis 2050 durch Umbau der Energieversorgung auf weitgehende Versorgung durch erneuerbare Energien und eine deutlich verbesserte Energieeffizienz
  3. (Re-)Demokratisierung der Energieversorgung durch Stärkung der kommu­nalen/­regionalen Ebene (z. B. Stadtwerke) und Bürgerenergiegesellschaften sowie Ausbau der lokalen und regionalen Wertschöpfung

 

Die Energiewende bedeutet einen epochalen Umbruch von der menschheits­geschicht­lich kurzen Periode der Nutzung extraktiver, vor allem fossiler Energiequellen, die die industrielle Revolution seit Mitte des 18. Jahrhunderts ermöglicht hatten, in ein 2. Solar­zeitalter, das sich wieder im wesentlichen auf die von die Sonne gelieferten Energie­ströme stützt.

 

Die Energiewende in Deutschland beruht auf Beschlüssen der Bundesregierung und des Bundestages aus den Jahren 2010 und 2011. Sie ist jedoch kein isolierter deutscher Sonderweg und sie hat eine Vorgeschichte, die vor allem in der 1970er Jahren beginnt.

 

 

Zu 1. Atomausstieg: Zur offiziellen Politik der Bundesregierung wurde der Ausstieg aus der Atom­energie erstmals 2002 unter der rot-grünen Bundesregierung durch den mit den Energie­versorgungs­unternehmen (EVU) ausgehandelten sog. „Atomkonsens“, der eine Befristung der Laufzeit der vorhandenen Atomkraftwerke (AKW)  bis maximal 2020 vorsah. Durch gezielte Lobby­arbeit gelang den AKW-Betreibern unter der schwarz-gelben Koalition 2010 unter Führung Angela Merkels eine deutliche Laufzeitverlängerung der AKW um bis zu 14 Jahre („Ausstieg aus dem Aus­stieg“). Unter dem Eindruck des katastrophalen AKW-Unfalls in Fukushima am 11.März 2011 revidierte die große Koalition, ebenfalls unter Führung Merkels, diese Entscheidung wieder („Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg“). Acht AKW wurden noch in 2011 stillgelegt, für die übrigen 9 AKW wurde ein Zeitplan für die Abschaltung bis spätestens 2022 festgelegt.

 

Mit diesem Ausstiegsbeschluss ist ein gesellschaftlicher Großkonflikt, der seit den 1970er Jahren hunderttausende Menschen mobilisiert hatte, zu einer weitgehenden Befriedung gelangt. Gestritten wird jedoch weiter um frühzeitigere Stilllegungen, z. B. auch des AKW Grohnde, um die von den Zwischenlagern ausgehenden Risiken und um den Standort des Endlagers. Mit dem Atommüll dieser etwa 50jährigen „Episode“ der atomaren Stromerzeugung werden wir uns noch auf unabsehbare Zeit auseinandersetzen müssen! Viele Mitglieder des AK BEnW stammen aus dieser Anti-AKW-Bewegung.

 

Atomkraft Nein danke

 

zu 2: Die aktuelle Politik zum Umbau des Energiesystems zur Nachhaltigkeit beruht auf dem im Sept. 2010 noch von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossenem „Energiekonzept  für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über alle Teilziele des Energiekonzepts.

 

Status Quo

 

Quelle: Zweiter  Monitoring-Bericht der BR „Energie der Zukunft“ – März 2014

 

Aus den Einzelzielen in der tabellarischen Übersicht ist ersichtlich, dass die Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 80-95% bis 2050 etwa zur einen Hälfte durch Effizienz­­­steigerungen (-50% Primärenergieverbrauch) und zur anderen Hälfte durch Einsatz erneuerbarer Energien (mindestens 60% Anteil erneuerbarer Energien am verbleibenden Bruttoendenergieverbrauch) erreicht werden soll. Zur Erreichung der  Ziele bis 2020 müsste Effizienzsteigerungen sogar zu zweit Dritteln zur Zielerreichung beitragen. Im Gebäudebereich ist der notwendige Beitrag der Effizienzverbesserung besonders hoch (39% bis 2020 und 80% bis 2050).

 

Reduktion

 

Quelle: Stellungnahme der Expertenkommission zum zweiten Monitoring-Bericht der Bundesregierung für das Berichtsjahr 2012, März 2014 (S. 8)

 

Die technische Machbarkeit und die prinzipielle Wirtschaftlichkeit des Umstiegs auf erneuerbare  Energiequellen sind durch eine Vielzahl von Studien und Szenarien belegt.

 

 

Zu 3. (Re-) Demokratisierung und lokale Wertschöpfung: Die Potenziale der Energiewende müssen überwiegend dezentral erschlossen werden, die Effizienz­potenziale z. B. in den Gebäuden und Betrieben und die erneuer­baren Energien in der Fläche. Energiekonsumenten wandeln sich damit zu sog. „Pro­sumenten“, die ihren Energiebedarf (teilweise) selbst produzieren, Überschüsse ggf. dezentral speichern oder in Netze einspeisen, aber zeitweise ihren Bedarf auch wieder aus Netzen decken. Dadurch gewinnt generell die Aktivierung der Bürger/-innen eine große Bedeutung. Dies kann nur auf lokaler und regionaler Ebene organisiert werden. Dadurch werden die lokale/regionale Ebene und damit auch die Rolle der Stadtwerke im Rahmen der Energiewende generell gestärkt. Zugleich wachsen damit die Möglichkeiten für Bürgergesellschaften sowie für Kooperationsprojekte zwischen Bürgern, Stadtwerke und Kommunen. Die Energiewende ermöglicht eine Steigerung der lokalen Wert­schöpfung gerade in den ländlichen Räumen, weil hier die erneuerbaren Energien vorrangig eingesammelt werden. Die folgende Abbildung zeigt am Beispiel einer Windenergieanlage wie sich die Erlöse bei üblichem Verhältnis von Eigen- zu Fremd­kapital auf einzelne Positionen verteilen. Wenn die Investoren aus der Region kommen und die Kreditaufnahme bei den regionalen Banken und Sparkassen erfolgt, kann die Wertschöpfung weit überwiegend in der Region verbleiben. Der größte Teil der Investitionen in erneuerbare Energien ist bislang durch Bürger/innen und kommunale Unternehmen erfolgt.

 

Chancen

 

 

Zur (Vor-)Geschichte der Energiewende: Die Debatte um eine nachhaltigere Energie­versorgung begann bereits in den 1970er Jahren, ausgelöst durch die erste Ölpreiskrise 1973. Nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in den USA und in den skandina­vischen Ländern, wurden damals schon praktische Alternativen z. B. durch Solar­architektur und aktive Nutzung von Solar- und Windenergie zur Strom- und Wärme­versorgung entwickelt.

 

Durch eine Veröffentlichung des US-amerikanischen Physikers Amory Lovins, die 1978 unter dem Titel „Sanfte Energie – Das Programm für eine energie- und industriepoliti­sche Umrüs­tung unserer Gesellschaft“ auf Deutsch erschien,  wurde ein völlig neues Bewusstsein zum Verständnis des Energieproblems geschaffen. Bis dahin wurde es als alternativlos angesehen, dass wachsender Wohlstand zu mehr Energie­verbrauch führe, der nur mit einem wachsenden Einsatz von Atomenergie gedeckt werden könne. Bei einem Verzicht auf Atomenergie würden eine gigantische „Energie­lücke“ und dramatische wirtschaftliche Konsequenzen drohen. Lovins führte dagegen den Begriff der Energiedienstleistung ein, um die es uns eigentlich geht: Angenehm temperierte Räume,  ausreichende Beleuchtung, Kraft, Transport usw. Und er zeigte auf, dass diese Bedürfnisse mit hohem Energieeinsatz und dem Ausbau der Atomenergie („der harte Weg“) oder auf der Grundlage verbesserter Effizienz mit nur einem Bruchteil des Energieeinsatzes und damit auf längere Sicht ohne Atomenergie und fossile Energien mittels Nutzung erneuerbarer Energien („der sanfte Weg“) befriedigt werden können. Durch diesen Paradigmenwechsel wurde zugleich deutlich, dass wir eine gesellschaft­liche Wahl zwischen diesen Wegen haben!

 

Diese Gedanken wurden 1980 in der Studie „Energiewende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ des Öko-Instituts Freiburg aufgegriffen und damit unseres Wissens erstmals der Begriff der Energiewende in Deutschland verwendet. Entsprechend der damaligen Problemsicht fokussierte diese Studie auf den Ausstieg sowohl aus der Atomenergie als auch den überwiegend zu importierenden Erdöl und Erdgas. Klimaschutz und damit die Probleme des Kohleeinsatzes waren zu dieser Zeit noch kein Thema. Statt einer Verdreifachung der Primärenergienachfrage – so in Szenarien der Atomlobby – zeigte das Szenario des Ökoinstituts die Möglichkeit einer Halbierung auf.

 

Atomphantastereien

Diese Studie des Öko-Instituts wurde anfangs aus der Reihen der etablierten Energie­wissenschaft und –wirtschaft kaum ernstgenommen. In der Folgezeit wurde die grundsätzliche Aussage dieser Studie, dass wachsender Wohlstand mit weniger Energieverbrauch möglich ist, jedoch durch zahlreiche weitere Studien und Publikationen bekräftigt.

 

Die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung wurden in der Folgezeit unter dem weg­weisenden Slogan „Faktor Vier: Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch"  durch diverse Studien und konzeptionelle Entwicklungen vertieft. Im Gebäudebereich zeigte der Ende der 1980er Jahre entwickelte Passivhausstandard die Möglichkeit einer Effizienzverbesserung bei der Deckung des Raumwärmebedarfs um etwa den Faktor 10 auf. Inzwischen gibt es bereits tausende Wohn- und Nichtwohn­gebäude unterschiedlichster Art und Bauweise in diesem Standard, der zugleich eine kostengünstige Basis darstellt, den Restenergiebedarf vollständig regenerativ zu decken. In Schaumburg ist dieser Standard leider noch kaum bekannt.

 

Auch in früheren Regierungsprogrammen gab es bereits Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Unter dem zunehmenden Druck der eingegangenen Verpflichtungen zum Schutz des Klimas hat die schwarz-gelbe Koalition unter Merkel 2010 aber erstmals ein integriertes Energiekonzept zum Umstieg auf eine nachhaltige Energieversorgung vorgelegt (siehe unter 2.).

 

Wichtigstes Instrument zum Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wurde 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dieses wurde wegen seines Erfolges in der Mobilisierung privater Investitionen weltweit in mehr als 50 Ländern nachgeahmt. Mit der letzten Novellierung des EEG in 2014 wurde die Dynamik jedoch deutlich gebremst. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Novelle insbesondere auf dezentrale Investitionen von Bürger/innen und Stadtwerken auswirken wird.

 

Nicht so erfolgreich waren die häufig wechselnden Förderprogramme für die Nutzung erneuerbarer Energien zur Wärmeerzeugung. Ebenso müsste die Bundesregierung viel größeres Engagement zur Erschließung von Effizienzpotenzialen an den Tag legen.

 

 

"Es ist jetzt die Zeit die Zukunft durch die Augen unserer Kinder zu sehen." (Elke von Linde)